Bestimmt lerne man aber die Schweiz und die Verschiedenheit ihrer Bewohner kennen, tönte jeweils mein Vater, wenn wir früher in den Diskussionen über Sinn und Unsinn des Militärdienstes wieder einmal am toten Punkt angelangt waren, wo sich die Argumente nur noch wortlos-grimmig anstarrten, bis auf dem Mittagstisch das Essen meiner Mutter zu eisigem Elend erkaltet war. Im Rückblick auf diese oft erlebte Szene aus meiner dörflichen Adoleszenz habe ich selbstverständlich bis heute keinen einzigen Tag beim Militär verbracht. Wenn ich mir jetzt dieses Gesinnungsabzeichen öffentlich an die Hemdbrust hefte, muss ich ehrlicherweise einschränken, dass mein Vater dennoch insofern recht behalten hat, als dass das Kennenlernen von Land und Leuten tatsächlich eine gute und lehrreiche Sache ist. Nur muss man dafür nicht unbedingt ins Militär. Man kann auch als Musikant diese schöne Erfahrung machen, indem man in die verschiedenen Winkel des Landes reist, um dort der Bevölkerung eine musikalische Aufführung darzubieten.
Die Perspektive, aus der man als Musikant durch die Gegend fährt, weist natürlich nur strukturelle ähnlichkeit mit dem Blickwinkel des Rekruten1 und WK-Soldaten2 auf, der heutzutage wohl grossmehrheitlich in vollem Bewusstsein der Widersinnigkeit seines Tuns irgendwo in diesem Land in lächerlichen Textilien Brücken bewacht oder durch schlammige Waldwege robbt. Das Bewusstsein des umherschweifenden Musikanten ist qualitativ ein anderes - wobei ich hier nur für meine eigene Person sprechen kann: Das Motiv ist zuvörderst die Musik. Der Musikant hat sie sich in langer, mühevoller Arbeit, Verzweiflung und Freude ausgedacht, geprobt und gefeilt - jetzt will er zu den Leuten, auf eine Bühne stehen und erleben, wie die Leute auf seine Musik reagieren. Spielt man Musik vor Publikum, beginnt sie sich zudem zu verändern und zu bewegen, weil sie bei jedem Konzert wie neu erfunden, mit Energie, Ausdruck und Glaubwürdigkeit angefüllt werden müsste. Das ist eine schöne Herausforderung.
Im allgemeinen ist nun aber im Einzelfall Musik verschieden. Das ist deshalb von Wichtigkeit, weil zwischen der Verschiedenheit von Musik erstens ein direkter Bezug zur Zusammensetzung des Publikums und den entsprechenden Erwartungen besteht und weil zweitens die Verschiedenheit von Musik vorgibt, an welchem Ort der Musikant seine Darbietung zur Aufführung bringt. Wenn also ein Musikant Jazz spielt, tritt er im sogenannten Jazz-Schuppen auf. Wer Blues-Rock macht, wird dagegen eher im örtlichen Pub landen. Benutzt der Musikant bevorzugt Berndeutsch3 oder er kann sogar mit Humor Bauchreden, füllt er die lokale Turn- oder Mehrzweckhalle. Ich selber stehe laut Presseberichten im Ruf, Indie-Rock "mit etwas forciert literarischen Texten" zu machen. Deshalb ist das Ziel meines Umherschweifens als Musikant oft ein etwas forcierter Indie-Rock-Laden, vulgo Jugendhaus, Kulturzentrum, Studenten-Treff oder Genossenschaftsbeiz mit Musik-Programm.
Diese Art von Etablissement ist im deutschsprachigen Raum fast in jeder Ortschaft mit beträchtlicher Einwohnerzahl anzutreffen; besonders dicht gesät sind sie aber in der Schweiz selber. In den allermeisten Fällen sind diese Auftrittsorte in bestimmter Weise geschichtsträchtig. Sie sind Mahnmale, Monumente oder auch einfach nur Produkte einer politischen Auseinandersetzung, die darin besteht, dass junge Menschen Behörden oder Hausbesitzern einen sozialen Raum abgetrotzt haben, in dem sie sich selber organisieren und in eigener Verantwortung über Aktivitäten bestimmen können. Die historische Wurzel dieser politischen Auseinandersetzung reicht zeitlich etwa in die frühen sechziger Jahre, geographisch fand sie zunächst in den Grossmetropolen der westlichen Industrienationen statt. Im Laufe der Jahre breitete sie sich Hand in Hand mit anwachsendem wirtschaftlichen Wohlergehen in einem immer feinmaschiger werdenden Netz über das ganze Gebiet der ersten Welt aus, womit das Bedürfnis junger Menschen, sich einen autonomen Freiraum zu schaffen, bis zuhinterst in gebirgige Föhntäler4 vordrang. Auch flache Landstriche sind betroffen.
Ein zentrales Verbreitungsmittel dieser Idee war und ist die Musik. Freilich nicht so unmittelbar, dass nicht zuletzt dank ihren merkantilen Distributionskanälen Musik Jugendliche in gebirgigen Föhntälern und auf flachen Landstrichen direkt dazu aufriefe, sich zusammenzurotten und beim Gemeindepräsidenten ein Jugendhaus zu verlangen - das ist höchstens ein gerade bei Gemeindepräsidenten unbeliebtes, aber mögliches Resultat von Musik. Vielmehr hat Musik die Fähigkeit, auf einer eher gefühlsmässigen Ebene Dinge zu transportieren und auszudrücken, die beim potentiellen Zuhörer mit eher gefühlsmässigen Zuständen und Empfindungen zusammenfallen können. Diese Zustände heissen Unzufriedenheit mit dem Leben, das man da im gebirgigen Föhntal, auf dem flachen Landstrich oder anderswo führen muss, Hass auf die Welt, weil sie so ist, wie sie ist, die Rätselhaftigkeit sexueller Energie, mit der man nicht recht weiss wohin damit, allgemeiner Ungehorsam gegenüber der obrigkeitlichen Staatsgewalt, Langeweile, innere Leere, Lust auf Revoluzzertum, gute und schlechte Laune, usw. Gerade der junge Mensch ist besonders anfällig auf diese grosse Unordnung, die in Musik vorkommen kann.
Als umherschweifender Musikant sollte man um diese Zusammenhänge wissen und es erleichtert das Leben, wenn man sich wenigstens punktuell damit einverstanden erklärt. Schliesslich wird der Musikant selber ein Teil davon, betritt er einen Ort, wo durch die Musik, die er ja selber macht, dieser Unordnung im Menschen Ausdruck verliehen werden soll. Langt der Musikant nun im konkreten Einzelfall beim Auftrittsort an, trifft er auf die sogenannten Veranstalter. Meistens bestehen Veranstalter aus einer einzelnen Person, die mit Hilfe einer Gruppierung von weiteren Personen versucht, die Kontrolle über organisatorische Belange wie Technik, Essen, Kasse machen, Werbung, Ausschank usw. zu behalten. Die Motive von Veranstaltern, ein Konzert auf die Beine zu stellen, können sehr verschieden sein.
Der idealtypische Fall für den Musikanten ist derjenige Veranstalter, der zusammen mit seiner Gruppe von Helfern den Eindruck zu vermitteln vermag, dass er Musik liebt und sich freut, wenn der Musikant bei ihm Halt macht und spielt. Auch mir selber ist das in der Realität zugestossen. Es hat sich damals motivierend ausgewirkt. Ein besonders löbliches Veranstalter-Motiv, das zwar nur ein kleines Nebenmotiv sein kann, gleichzeitig aber eng mit obengenanntem zusammenzuhängen scheint, besteht darin, dem Musikanten aussergewöhnlich schmackhaftes Essen aufzutischen. Was dem Musikanten dabei in die Quere kommen kann, ist das Geprägtsein von einer kulinarischen Biographie leider nationalen Charakters, die vom Koch unangenehmerweise als unfreundliches Spiessertum ausgelegt werden könnte, wenn sich der Musikant selbst lustlos in einem vergarten Reiseintopf stochern sieht oder wenn er nachzusinnen beginnt, wie sich ein unansehnlicher Nudel-Teller vom Tisch weghypnotisieren liesse. Das ist auch deshalb unangenehm, weil der Musikant im Zuge einer anständigen Erziehung gelernt haben sollte, dass man sich als Gast fremder Leute niemals über das Essen beschwert.
Und dennoch spielt die Aufnahme von Nahrung für den Musikanten, wie vielleicht für den Menschen überhaupt, eine irgendwie auch beängstigend zentrale Rolle, weil dieser eigentlich banale Zusammenhang dem Musikanten eben doch trotz Musik und verblasener Ideen immer wieder das eigene, banale Fleischsein vor Augen führt. So sind Fälle kolportiert, wo sich Musikanten beim Auftrittsort benehmen, als wären sie nur und ausschliesslich wegen der kostenlosen Nahrungsmittel gekommen. Andere wiederum tun so, als würden sie überhaupt nie essen. Dritte laben sich lediglich an Tranksame. Ich selber ziehe vor leckeres Essen aus Italien in reichlichem Ausmass ohne Würze und Nachtisch. Jedoch: Von grosser Verschiedenheit sind die Erlebnisse der Esskultur im allgemeinen.
Naht der Auftritt, gesellt sich die weitere Zuhörerschaft zum Veranstalter. Sie besteht aus einer Person bis hin zu mehreren, möglicherweise ist der ganze Auftrittsort angefüllt damit. Das Konzert selber hat einerseits ähnlichkeit mit einem Ritus, nach dessen Regelwerk sich sowohl Musikant wie auch Zuhörerschaft diszipliniert richtet, indem der Musikant beispielsweise auf der Bühne und der Zuhörer vor der Bühne steht oder indem nach dem letzten Stück der Applaus dergestalt anschwillt, damit dem Musikanten angezeigt werde, dass er nochmals spielen soll usw. Andererseits eröffnet gerade das Rituelle Möglichkeiten für Unerwartetes. Hierin läge eine tiefe Schönheit im Ereignis Rockkonzert an sich.
Ein Ritus zeichnet sich dadurch aus, dass alle Beteiligten zumindest unbewusst um seine zwar ungeschriebenen, aber umso tiefer im Menschenfleisch sitzenden Regeln wissen und sich dementsprechend verhalten. ähnlich wie in der katholischen Kirche ist deshalb auch beim Rockkonzert grosses Leid und dumpfe ödnis bei der Feier des Ritus'. Beim Independentrock-Konzert mit etwas forciert literarischen Texten im besonderen sollte es sich aber so verhalten, dass der Kern des Rituellen dazu dient, für den Musikanten wie auch die Zuhörerschaft über dem dunklen Bühnenraum einen azurn gleissenden Horizont der Möglichkeit aufzuspannen, das Rituelle und mit ihm die Langeweile, den Hass auf die Welt und die Trägheit des Existierens zu verlassen. Das plötzliche Gefühl, in diesem schmalen Horizont zu verschwinden, sehnsuchtsvoll eine Art Stillstand der Zeit zu spüren und die Kontrolle über das durch die Musik hervorgerufene Anschwellen der seelischen und körperlichen Blutgefässe zu verlieren, käme einem schnellen Moment der Freiheit bzw. der Zweckerfüllung der Veranstaltung Rockkonzert gleich.
Das ist eine Theorie. Im Wettstreit mit der Realität belegt sie fast immer den zweiten Platz. Weil der Musikant aber ein Feind der sogenannten Realität ist, steht er automatisch auf Seiten der Theorie. Musikant und Theorie streicheln sich zart die Wange und es entsteht eine Utopie; deshalb lässt sich der Musikant kraftvoll bewegt von diesem zarten Gefühl immer wieder auf den Wettstreit ein, von dem der Musikant im Moment des Musizierens ohnehin gar kein Bewusstsein haben darf. Rockmusik hätte, würde sie ernst genommen, keine ersten oder zweiten Plätze zu verteilen, obwohl ihr öffentliches Auftreten das der Rangliste einer Kampfdisziplin im Sportteil ist. Deshalb braucht die heutige Zeit den Typus des unrealistischen Musikanten, der die Musik und die Zuhörer liebt und an beidem eine Art unrealistische qua ranglistenunabhängig und deshalb sinnlose Freude zeigt. Wenn das gelingt, ist es ein Angebot für alle. Der Mensch und gerade der Musikant an sich handelt aber praxisorientiert.
Angebote kann man wahrnehmen oder ausschlagen; die eigentliche Schönheit des Angebotes, das Independentrockmusik mit etwas forciert literarischen Texten an den Musikanten und die Zuhörerschaft machen kann, liegt dazwischen und ist die Unklarheit darüber, was mit der prätendierten Offenheit der Ausgangslage geschehen soll bzw. wofür sich die Zuhörerschaft entscheidet. Die Ausgangslage Rockkonzert ist eine nach allen Rändern und Körperfunktionen hin offene Angelegenheit. Ein randvoll mit Publikum angefüllter Raum als Beispiel kann sich sehr verschieden gebärden. Die Unsicherheit besteht darin, ob wildes Wogen und Toben die Ursache fernab von Musik im allgemein menschlichen Bewegungsdrang hat oder Ausdruck von Freude über die Musik ist. Die Gebärde des Menschenhaufens kann auch eine paralysierte sein, die auf Gelangweiltheit oder aber auch auf Ergriffenheit fusst. Die Zuhörermasse besteht als weiteres Beispiel manchmal nur aus einer sehr geringfügigen Anzahl Menschen im leeren Raum. Diese sitzt im Stuhl oder liegt sogar am Boden. Auch in diesem Fall herrscht Unsicherheit, ob man den Zuhörer beim Biertrinken stört und ein Gespräch unterbricht, weil die Musik von beträchtlicher Phonzahl5 ist, oder ob konzentriertes Zuhören stattfindet. In jedem Fall wichtig ist deshalb das persönlich Einzelgespräch.
Nach dem Konzert findet es eigentlich immer mit dem Veranstalter statt, der ja die Verantwortung trägt und Meldung macht. Sie kann die Musik betreffen oder die Gefühle und Eindrücke, die das Gebotene hinterlassen hat. Wichtig ist, wie viele Besucher den bescheidenen Obulus an der Kasse entrichtet haben und ob die Polizei da war. In einem besonders stark vom Föhnsturm betroffenen Gebirgstal kommt manchmal sogar der Anwohner mit dem Gewehr zwecks Beschwerde. Der Veranstalter berichtet von weiteren Sorgen und Nöten mit Bewilligungen, Behörden, Nachtlärm, verhaltensauffälligen Besuchern usw. Früher habe ich selbst viele Konzerte organisiert, deshalb weiss ich, wie viel Arbeit und ärger dahinter steckt. Denn der Veranstalter ist in einer Person Sozialarbeiter, Abwart, Manager, Buchhalter, Bierkutscher, Drogenbeauftragter, Politiker, Trendforscher und noch viel mehr. Als Musikant hat man dem Veranstalter Respekt zu zollen.
Angesichts der schmalen Gage ist für den Musikanten wie auch den Veranstalter das Geld im Sinne seines Fehlens oft Gesprächsthema. Im allgemeinen werden finanzielle Engpässe der Veranstalter häufiger, weil wegen den leeren Kassen der öffentlichen Haushalte Zuschüsse spärlicher oder gar nicht mehr fliessen. So ist der rauher gewordene Subventionswind überall spürbar. War die Wirkung des Subventionswindes manchmal auch eine einlullende, schläfrige Gemütlichkeit verbreitende, führt seine herbe Frische nicht nur zu ausladenden Lamentos, sondern auch klarerem, schärferen Denken und Handeln oder allgemein zu erhöhter Wachheit. Manchenorts besteht die Perfidie der Repression bekanntermassen gerade darin, dass die Leute still gehalten werden, indem man sie mit Geld zuscheisst. Der Musikant bekommt diese Zusammenhänge sowohl direkt auf der Brieftasche als auch durch die Ausstrahlung eines Auftrittsortes zu spüren. Ich selber zum Beispiel werde derart massiv mit Subventionen6 belästigt wenn nicht gar kujoniert und tribuliert, dass ich mir angewöhnt habe grosses Glück zu empfinden, wenn am Ende Bus und Benzin bezahlt sind. Der Rest füllt die Portokasse.
Weitere persönliche Einzelgespräche werden geführt mit der Zuhörerschaft beiderlei Geschlechts. Der Musikant als Pfau lässt sich dabei Balsam auf sein gespreiztes Eitelkeitsorgan träufeln, aber auch das Einstecken von barschen Worten der Kritik will ausgehalten sein. Privates kommt ebenfalls zur Sprache. Zusammen mit der Beobachtung des Ambientes als Ganzes ergibt sich eine Ahnung, welche Funktion die Lokalität im sozialen Gefüge des entsprechenden Landstriches einnimmt. Dabei stellt sich heraus, dass das Konzert oft eine Art Vorwand ist für das Nachfolgende; dass nämlich irgendwie Gleichgesinnte irgendwie einen Grund vorschürzen müssen, um sich irgendwie in diesem Lokal zu treffen.
Das Angebot des Musikanten, jenen azurn gleissenden Horizont über dem dunklen Bühnenraum aufspannen zu versuchen, kann dabei hinderlich wirken. Im günstigen Fall aber ist dieser Versuch insofern mit dem Bedürfnis des sich Irgendwie-Treffen-Wollens verstrickt, als er beim bedürftigen Zuhörer dessen Ansinnen befördernde Energien freisetzt. Der Musikant ist mitverantwortlich für das Angerichtete. Untermalt von lauter Musik ab Konserve rauchen Menschen Zigaretten, trinken Bier und schwatzen einander Dinge ins Ohr, die sie sich vielleicht schon vor einer Woche gegenseitig ins Ohr geredet haben. Einige tanzen. Jemand lacht oder gestikuliert. Das andere Geschlecht spielt eine Rolle. Allgemein nennt man das Verhalten sich amüsieren oder Spass haben bis alle müde sind und ins Bett gehen.
Der Musikant als Umherschweifender bewegt sich von Ort zu Ort. Nachdem er sich vom kargen Nachtlager erhoben hat, setzt er sich in den Bus und fährt auf der Autobahn. Gleich daneben sind mannigfaltig die Wunder der Natur, gross die Schönheit der Landschaft. Die Meteorologie schickt eine Wetterlage, zum Beispiel Hitzewelle oder Kälteeinbruch. Auch Geographie kommt vor. Ein Hügelkamm räkelt sich über den Horizont, im flachen Land spannt ein wolkenbestickter Himmel die luftigen Schwingen um den Erdball. Hier entspringt ein berühmter Strom. Da wächst eine typische Frucht. Dort gabelt sich der Weg. Es ist eine rasende Empirie.
So versinkt der Musikant gefangen in diesem stinkenden, die Atemluft erheblich belastenden Bus in den grossen Menschheitsproblemen wie Klimaerwärmung oder globaler Mobilitätswahn und wird zu einem kleinen Punkt nur in der riesigen Masse all der anderen, die da auch auf den Strassen Mitteleuropas von einem Ort zum anderen fahren. Dieses dämmrige Versinken im amorph-gräulichen Kollektiv der autofahrenden Horden erstreckt sich über hunderte von Kilometern und nimmt einen erheblichen Teil des Musikanten-Tages ein. Dabei erfährt man stundenlang die Widersprüchlichkeit der Existenz an sich, indem man beispielsweise auch beim Autofahren gegen Luftverschmutzung ist oder indem der Körper des Musikanten zwar regungslos im Bussitz verharrt, gleichzeitig das Ganze aber mit hoher Geschwindigkeit fährt. Ausser es ist Stau oder man muss mal wieder Pause machen bei der Raste.
Dortselbst wird Urin abgeschlagen, dem leiblichen Wohl genüge getan und überhaupt wird Erholung gross geschrieben. überall hängen Schilder mit Hinweisen wie "herzlichen Dank", "auf Wiedersehen" oder "schön, dass Sie uns besucht haben", weil die Angestellten immer unfreundlich und genervt sind, wofür ich persönlich aber viel Verständnis verspüre. Bald werde ich nämlich weiterfahren, die Angestellten müssen aber bleiben. Sie werden tagein tagaus nur von Menschen aufgesucht, die wie ich schnell Urin abschlagen, sich kurz ertüchtigen und eine Atmosphäre verbreiten, die fortwährend schreit "schnell weg von hier". Wer bekäme da nicht schlechte Laune?
So stehe ich plötzlich allein auf dem Parkplatz Wilhelmshöhe oder Kölliken Nord, beschaue das Red Bull und den Zehnerpack Dextroenergen in meiner Hand, winke auf die anderen wartend einem Laster aus Spanien nach und empfinde inmitten der bizarren Lächerlichkeit einer Autobahnraststätte das angenehme Gefühl der geleerten Blase in seiner Verschränkung mit Gedanken zum kynetischen Wahnsinn, mich wundernd, wie ich mich selbst als lächerlicher, begeisterter, von verblasenen Ideen umwehter, angetriebener, amüsierter Musikant in einem Bus sitzend hinter der nächsten Kurve verschwinden sehe.
Ausserdem: Beim Auftauchen am elterlichen Mittagstisch nach einer Tour drehen sich die Gespräche zuweilen immer noch um die alte Frage von Sinn und Unsinn des Militärdienstes und die lehrreichen Vorteile, die das Kennenlernen von Land und Leuten mit sich bringt. Obwohl weder ich noch mein Vater von den nun einmal gemachten Meinungen und Grundsätzen abweichen, hat sich im Laufe der Jahre doch eine sanfte Bande der Verständigung gebildet, wenn er von Losone7 berichtet und ich von Kölliken erzähle. Auch meine Mutter ist irgendwie vergnügter, seitdem die Mahlzeiten seltener erkalten und überhaupt ordentlich gegessen wird.
Stephan Ramming
1 Rekrut: ähnlich wie Deutschland hat die Schweiz eine Milizarmee. Jeder männliche Schweizer hat - ohne Alternative des Zivildienstes - eine siebzehnwöchige Militär-Ausbildung zu absolvieren. Im mythologischen Bewusstsein der Schweiz wird erst dank dieser Ausbildung der junge Mensch zu dem, was Mann heisst.
2 WK: Militärischer Wiederholungskurs; bis zum vierzigsten Lebensjahr hat davon jeder Schweizer etwa fünfzehn zu je drei Wochen zu absolvieren. Sie finden oft in den landschaftlich schönsten Winkeln des Landes statt. Geübt wird Wehrhaftigkeit, Männerkumpanei und die Abwesenheit von Frauen und Familie.
3 Berndeutsch: Schweizer Mundartdialekt, sehr beliebt und äusserst erfolgreich als Singsprache. Vergleichbar mit Bayrisch oder Platt.
4 Föhntal: Tal, in dem der Föhn bläst. Der Föhn ist ein warmer Wind aus Süden, der aufgrund des Luftdruckgefälles am Alpenhauptkamm (Hoch im Süden, Tief im Norden) zustande kommt. Der Föhn hat massive Auswirkungen auf das Gemüt. In Deutschland sind die Bayern die am häufigsten vom Föhn betroffenen Menschen.
5 Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat kürzlich ein Gesetz erlassen, dass Veranstalter Bussgeld entrichten müssen, wenn die Lautstärke 95 Dezibel übersteigt. Jedes Lokal hat deshalb einen festinstallierten Dezibelmesser. Dieses Schweizer Gesetz ist weltweit einzig.
6 Subventionen: In der Schweiz ist fast jeder Veranstaltungsort mit öffentlichen Geldern versehen. Fast jede CD-Veröffentlichung ist zudem mit öffentlichen Geldern subventioniert, nachdem 1980 in Zürich die für die Schweiz bisher massivsten Jugendkrawalle stattgefunden haben.
7 Losone: Ortschaft bei Ascona im Tessin. Grenadierschule der Schweizer Armee, gilt als die härteste Elitesoldaten-Ausbildungsstätte.
Stephan Ramming, 33, sucht seit über fünfzehn Jahren regelmässig als Sänger, Texter und Gitarrist der Gruppe "Eugen" (vormals "Der böse Bub Eugen") Veranstaltungslokale im ganzen deutschsprachigen Raum heim. Jüngste Veröffentlichungen: Eugen - cool (und aber auch sexy), LP/CD, Buback/Indigo; Chabis! - Texte und Lieder von und zu Friedrich Glauser, CD, Tom Produkt/Import.