Brief von Ted Gaier
Hamburg, den 4. Dezember
1995
Lieber Stephan,
ich habe eure neue Platte vier Mal durchgehört, zwei Mal alleine und dann noch je einmal mit
Jochen und mit Walding - ich schreibe jetzt einfach mal drauflos: Für mich ist es eure bislang
beste Platte (mit Abstand). Bestimmte Songs gehen überhaupt nicht mehr aus den Ohren. Besonders
in der Form, den Sounds und Arrangements ist sie ein riesiger Schritt nach vorne. Im Gegensatz zu
euren früheren Platen hat man diesmal das Gefühl, dass sie wirklich produziert ist; nicht
einfach von einem redlich arbeitenden Engineer im Rahmen seiner begrenzten Möglichkeiten
aufgenommen. Beim Schlagzeug und auch sonst soundmässig passieren tolle Sachen, und
überhaupt finde alles gut (schlau) aufeinander abgestimmt.
Supergut finde ich "neu hier". Es ist für mich das erste Mal, dass
ihr eine gereizte Ungeduld mit der entsprechenden Entschlossenheit
artikuliert. Super auch, wie im Verlauf des Songs die Gereiztheit noch
zunimmt. "Sommernacht" gefällt mir als Kinks-Fan sowieso, zudem
erinnert es an unseren Besuch bei Dir letzten Sommer. Obwohl mir im
Unterschied zum tatsächlich Erlebten, das, was "du zu dir sagt", auch
latent anwesend scheint. Überhaupt ist "es sagt du zu mir" für mich
das Schlüsselstück dieser Platte. Es ist wie eine Erklärung
für die Melancholie, die stärker oder schwächer in jedem
Stück mitschwingt.
Ich weiss nicht, ich komme nicht umhin einen, wie
soll ich sagen - soziologischen Charakter d.h., den Background eines Lebens
in a) einer kleinen Stadt und b) in der Schweiz zu sehen.
Möglicherweise neige ich dazu, diese Sicht überzubewerten, aber
für mich macht die Stärke dieser Platte gerade die Tatsache aus,
dass sie Schaffhausen nicht verlässt. Ich überlegte mit Jochen,
ob man Platten auf diese Weise überhaupt lokalisieren kann und wir
kamen zum Schluss, dass es gerade in unserem Umfeld eine ganze Reihe von
Beispielen gibt, wo dies zutrifft: So spielt die "Blumen am Arsch der
Hölle" in Hamburg, die "Das bisschen Totschlag" in Deutschland und "L'
état et moi" in der Middle class (haha). Ähm... ja. Jedenfalls
assoziiere ich alle Songs mit ihren Bildern vor dem Hintergrund des "Himmel
der Schweiz", was nicht bedeutet, dass sie nicht Universelles in sich
trügen. Die Musik tut es sowieso.
Was ich am Lied "cool & sexy"
auffällig finde, ist ein seltsames Scheiteren der besonderen Art.
Viel mehr als die Wut über die Unwürdigkeit des Daseins in der
Postmodernen oder im späten Spätkapitalismus etc. drängt
sich mir die Resignation über den Fakt ins Bewusstsein, das kein
Kollektiv für ein Gegenmodell zu finden ist. Das entscheidende Wort
ist "verzweifelt". Wer coole sexyness propagiert und gleichzeitig zugibt,
darüber zu verzweifeln, hat schon verloren. Wenn dieses Problem im
Song schon mitgedacht ist, wird er plötzlich wieder wahr - ja, der
"Himmel der Schweiz". "Liegenbleiben" und auf eine andere Weise "einfach"
sind ebenfalls Teil dieses Themas. Sie vermitteln, dass es ein Ausbrechen
aus der verinnerlichten sozialen Kontrolle nicht geben kann. Es wird zu
einem schönen Traum, dem Chef 'halt's Maul' sagen zu können. Die
Art und Weise, wie das gesungen wird, vermittelt eher die gedachte Lust an
der Geste als die Notwendigkeit der Aktion an sich. Der Grund, es in
Wahrheit nicht zu tun, liegt nicht daran, dass der Protagonist ein
Arschkriecher wäre, sondern damit, dass der Chef nicht Schwein
(Ausbeuter usw.) genug und das System nicht Schweinesystem genug ist.
Halt, ich rede gar nicht mehr von der Musik. Mir gefällt das
Stück auch über den "völkerpsychologischen" Gehalt hinaus
und ganz ohne Reflexion.
Zu den drei Liebesliedern - vielmehr den zwei
Vor- und dem einen Nach-Liebeslied. "beinahe glücklich" finde ich
sehr gut, Musik und Text gehen gehen gut zusammen. Es ist rund und
lässt genug frei, wie ein stimmiger Film vielleicht. Ich meine damit
das Mass an Poesie, das man braucht, um zu beschreiben, was mit Worten
nicht unbedingt ideal zu fassen ist. Worüber ich mich wundere, ist
die Zweiflerhaltung dieses Jungen, der doch offensichtlich in das
Mädchen verknallt ist.
Bedrückend finde ich die beiden anderen
Lieder "nur für dich" und "fremd". Der kalte Realismus der banalen
Details kombiniert mit dem vollen Pathos lässt mich fast gruseln.
Während diese Kombination bei "fremd" in einem Zusammenhang steht
(für meinen Geschmack so aber nicht funktioniert), hoffe ich doch,
dass nicht du in "nur für dich" dieser Junge bist, der seiner Flamme
so kaltblütig materialistisch seiner Flamme Anstrengungen wie
öfter Zähneputzen oder mehr Bier trinken als sonst als heroischen
Liebesbeweis auftischst.
Egal, es sind eigentlich die beiden einzigen
Stücke, die ich missraten finde, denn wie gesagt, ich mag die Platte
ausserordentlich, auch wenn ich jetzt etwas ratlos bin, wie sich diese
Erkenntnisse in so etwas wie 'Linernotes' umwandeln lassen. Bitte melde
dich, sobald du diesen Brief erhalten hast, denn ich bin mindestens so
gespannt auf deine Reaktion wie du vielleicht auf meine. Schliesslich ist
es das erste Mal, dass ich so etwas gemacht habe bis bald dein Ted Gaier
P.S. Die Idee mit der Grafik finde ich genial (Jochen noch
ober-genialer) und die Fotos sind auf alle Fälle cool, nein sexy!
Ted Gaier lebt in Hamburg und ist Musiker u.a. bei Die Goldenen
Zitronen, Die Stars, Les Robespierres, The Three Beatles